Mit den Augen hören

Die Innovation:

Um Barrierefreiheit für Hörgeschädigte zu erreichen, setzen Theaterhäuser meist Induktionsschleifen für Hörgeräteträger ein oder zeigen vereinzelte Aufführungen mit Gebärdensprachdolmetschern für Gehörlose. Innovativ am Projekt „Inklusion im Theater“ ist, dass die Inszenierung sich dank des Einsatzes von Übertiteln an Hörende, Gehörlose und Schwerhörige zugleich richtet. Die Übertitel werden ins Bühnenbild integriert. Sie sind eigenständiges Ausdrucksmittel, dienen aber auch der Übersetzung aus der/in die deutsche Lautsprache und aus der/in die deutsche Gebärdensprache – ohne Hierarchie zwischen den Übersetzungsrichtungen.

Anders als bei der Umsetzung von Barrierefreiheit werden somit hörende, gehörlose und schwerhörige Zuschauer gleichberechtigt adressiert. Sie machen abwechselnd die Erfahrung, auf Übersetzung angewiesen zu sein. Aus dem Zusammenspiel der drei Sprachsysteme auf der Bühne entsteht nicht nur eine inkludierende Wirkung, sondern auch ein ästhetischer Mehrwert.

Die Kooperation:

Das Projekt wurde von der Universität Hildesheim initiiert und mit dem Kooperationspartner „Theaterhaus Hildesheim“ gestartet. Auf das eigens entwickelte Förderprogramm „debühne_barrierefrei“ bewarben sich erfolgreich die Theatergruppen „Kirschrot“ (2015) und „BwieZack“ (2016). Im Rahmen des Seminars „Inklusives Theater“ sollte deren jeweiliges Theaterprojekt durch Übertitel für Hörgeschädigte zugänglich gemacht und dabei das ästhetische Potenzial der Übertitel ausgeschöpft werden. Aus der gemeinsamen Arbeit an der Inszenierung entwickelte sich das oben beschriebene Konzept, das von „Kirschrot“ bereits für ein weiteres Stück übernommen wurde.

Eine Rezeptionsstudie und ein runder Tisch im Jahr 2015, an dem das Landesbildungszentrum für Hörgeschädigte Hildesheim beteiligt war, belegte die hohe Akzeptanz dieser innovativen Theaterform beim Publikum. Entsprechend wurde das Projekt auf Konferenzen im In- und Ausland vorgestellt. Mit neuen Kooperationspartnern soll nun die Umsetzbarkeit des Konzepts für weitere Theaterformen erprobt werden.